Europa muss sich emanzipieren, das ist spätestens seit Trumps Grönland-Ausritt klar. Baustellen gibt es genug – ein langsames Abarbeiten, Stück für Stück, können wir uns dabei aber nicht mehr leisten.
Die Annexionsfantasien von US-Präsident Donald J. Trump haben Anfang dieses Jahres eines deutlich gezeigt: Die alte Weltordnung ist nicht mehr! Das Gute daran: Europa ist geeint aufgestanden und hat deutlich gemacht: Genug ist genug! Dieses Mal hatte Trump den Bogen wirklich überspannt – uns Europäern ist dadurch endlich bewusst geworden, dass wir uns wieder stärker um die eigenen Interessen kümmern und mit mehr Selbstvertrauen und Selbstbehauptung auftreten müssen.
Wie weit dieses neue Selbstvertrauen Europas reicht, konnte man unter anderem im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz beobachten: EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte dort angekündigt, dass die EZB künftig Zentralbanken auf der ganzen Welt jederzeit mit Euro versorgen werde. Die Europäische Zentralbank tritt damit erstmals bewusst – und eben selbstbewusst – in direkte Konkurrenz zu den USA. So weit, so gut. Ebenfalls positiv anzumerken ist, dass trotz eines Verzögerungsmanövers des EU-Parlaments die Kommission beschlossen hat, das Mercosur-Handelsabkommen vorläufig in Kraft treten zu lassen; ein ebenso wichtiger Schritt wie etwa auch das Freihandelsabkommen mit Indien – denn Europa braucht dringend neue Partner in der Welt.
Der amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran hat nun ein weiteres Thema in den Fokus gerückt, bei dem Europa noch dringenden Aufholbedarf hat: Wir müssen endlich unsere Energieversorgung stärker differenzieren. Denn nach dem Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine haben wir unsere Abhängigkeit bei der Versorgung mit Energie de facto nur von Russland auf die USA verschoben. Das ist für unseren Kontinent in mehrfacher Hinsicht problematisch, zumal wir ohnehin durch viel höhere Energiepreise bereits eine ordentliche Belastung unserer Wettbewerbsfähigkeit verkraften müssen. Weitere globale Preissteigerungen, wie eben durch bewaffnete Konflikte im Nahen Osten, führen uns da schnell an oder gar über die Belastungsgrenze.
Daher müssen den schönen Ankündigungen von der viel beschworenen Energiewende endlich auch umfassende und aufeinander abgestimmte Maßnahmen folgen. Denn schon lange wissen wir, dass diese ohne einen umfassenden Ausbau der Energieinfrastruktur nicht gelingen kann. In der Vergangenheit bekam man aber nicht unbedingt den Eindruck, dass man es hierbei besonders eilig habe – insgesamt ist das alles bisher sehr holprig. Vielfach fehlt es vor allem an pragmatischem Realismus. Zu oft sehen wir ideologisch motivierte Fehlentscheidungen, wie etwa den Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie. Und das, obwohl wir insgesamt in der EU gerade eher das Gegenteil, nämlich eine Renaissance der Atomkraft, erleben. Apropos Ideologie statt Pragmatismus: Auch Österreich verfügt über eigene Gasvorkommen. Darüber diskutiert wurde bereits oft, aber wäre es jetzt nicht an der Zeit, diese Vorkommen für unser Land endlich nutzbar zu machen? Das bedeutet keine Absage an die Energiewende, aber Gas wird noch länger unsere Grundversorgung zur Stabilisierung ebendieser Transformation zu erneuerbaren Energiequellen sein müssen. Und der gerade eskalierende Irankrieg zeigt uns, dass wir auch in diesem Bereich dringend eine gewisse Autarkie entwickeln sollten. „Mehr Resilienz!“ ist die Devise, und die Auswirkung auf die globale CO2-Bilanz wäre ein glattes Nullsummenspiel, da wir ja nur weniger einkaufen, als wir selbst produzieren.
Man kann nur hoffen, dass das neu gefundene Selbstvertrauen Europas nun auch in konkreten, entschlossenen Taten mündet. Denn die Themen Energie und Freihandel sind ja nur zwei Baustellen von vielen, die wir Europäer dringend angehen sollten. Wo wir schon beim Thema sind: Wichtige Rohstoffvorkommen gäbe es in ganz Europa, aber offenbar scheut man sich, den eigenen Kontinent mit Bergbau und Co zu „verschandeln“ – können wir uns das wirklich noch leisten?
Intensiv diskutiert wird auch die Notwendigkeit der digitalen Souveränität; denn die einseitige Abhängigkeit von US-Lösungen ist strategisch nicht ideal, Europa sollte danach trachten, auch eigene, komplementäre Angebote zu entwickeln – egal ob bei Software, Infrastruktur, Satelliten etc. Auch wenn schnelle Lösungen hier schwierig sind, man muss das Thema endlich angehen. Gefragt sind dabei auch wir als Unternehmer: Wir müssen für eine entsprechende europäische Nachfrage sorgen. Jeder kann hier selbstbestimmt seinen Teil beitragen. Ebenfalls zu diskutieren wäre, inwiefern es fair ist, dass Streaminganbieter unsere Infrastruktur nutzen und damit viel Geld verdienen, aber zu Errichtung und Betrieb nichts beitragen. Donald J. Trump hat in seiner „State of the Union“-Rede angemerkt, dass er die großen Anbieter im Bereich von KI dazu verpflichten will, selbst in die für ihre Datencenter benötigte Energieproduktion zu investieren. Ein vielleicht auch für Europa spannender Ansatz?
Last, but not least sollte der aktuelle Konflikt im Nahen Osten auch verteidigungspolitisch für uns eine gewichtige Lehre bereithalten: Einige Golfstaaten mussten bereits nach wenigen Tagen ausgerechnet die Ukraine um Hilfe bitten – denn kein anderes Land hat derzeit mehr Expertise bei der Abwehr von Drohnen und Raketen. Wie gut die Ukraine in dieser neuen Dimension der Kriegsführung ist, musste die NATO bei einem gemeinsamen Manöver Mitte Februar feststellen: Gerade einmal zehn ukrainische Drohnenspezialisten ließen die Einheiten der Allianz ziemlich alt aussehen. Erst kürzlich ergab ein Manöver zur See, durchgeführt von NATO und Ukraine, dasselbe Bild. Europa sollte im Verteidigungsbereich daher rasch von der Ukraine lernen und nach vielen Jahren des Dornröschenschlafs seine Verteidigungsindustrie auf Vordermann bringen.
Unser guter alter Kontinent hat also mehr als genug an Hausaufgaben zu erledigen, aber auch neue Chancen. Die EU agiert jedoch zu langsam und leider zu oft unkoordiniert. Die einzelnen Nationalstaaten sind zu klein und zu schwach, um die großen Herausforderungen unserer Zeit allein zu meistern. Wir brauchen die europäische Ebene daher unbedingt. Aktuell sprechen wir aber noch immer in vielen Bereichen mit 27 Sprachen. Ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ könnte, auch wenn vielleicht nicht ideal, in manchen Themenfeldern überlegenswert sein. So sprechen sich die sechs größten EU-Volkswirtschaften für eine gemeinsame Kapitalmarktaufsicht aus – ein wichtiger Vorschlag, um die seit Jahren bestehende Blockade bei der Schaffung stärker integrierter Kapitalmärkte zu überwinden. Dass Österreich hier bisher nicht dabei ist, steht auf einem anderen Blatt.
Ein Europa mit verschiedenen Graden an Integration könnte dabei auch zu einem durchaus gesunden innereuropäischen Wettbewerb führen. Vielleicht orientieren wir uns dann auch wieder stärker an erfolgreichen Ländern als Benchmark, als stets den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen. Das neu gefundene Selbstvertrauen Europas darf jedenfalls kein reiner Selbstzweck bleiben. 2026 hat uns bisher klar gezeigt: Wir können uns auf niemand anderen verlassen als auf uns selbst. Gerade wir als Unternehmer müssen daher von der europäischen Politik stets ein konsequentes europazentriertes Vorgehen einfordern. Denn die Konsequenz aus dem „Bruch“ der alten Weltordnung muss für Europa lauten: Handeln, und das rasch und umfassend – es führt kein Weg mehr daran vorbei.


