„Die größte Herausforderung ist für mich das Problem der Langzeitbeschäftigungslosigkeit"

Der Geschäftsführer des Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds (waff), Fritz Meißl, sprach mit den iv-positionen überaktuelle Herausforderungen am Arbeitsmarkt.

Sehr geehrter Herr Meißl, der Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds (waff) ist DIE Anlaufstelle für Wiener, wenn es um das Weiterkommen im Beruf geht. Dazu gehört auch, Herausforderungen am Arbeitsmarkt frühzeitig zu erkennen. Bei welchen Themen sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf? 

Die größte Herausforderung ist für mich ganz klar das Problem der Langzeitbeschäftigungslosigkeit. Trotz des Beschäftigungsrekords
in Wien ist die Zahl an Menschen mit fehlender oder geringer Anbindung an das Beschäftigungssystem gewachsen. Handlungsbedarf sehe ich auch im Hinblick auf die Unterstützung junger Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf. Die Pandemie hat bestehende Probleme verstärkt. Von fundamentaler Bedeutung für den Wirtschaftsstandort ist das Thema Fachkräftesicherung. Im Arbeitsprogramm
des waff bildet sich das daher erstmals in einem eigenen Schwerpunkt ab.

Der zunehmende Arbeits- und Fachkräftemangel stellt den Wirtschaftsstandort Wien vor große Herausforderungen. Um dem entgegenzuwirken, sieht das aktuelle Programm der Wiener Landesregierung vor, ein Fachkräftezentrum für Wien im waff anzusiedeln. Wie soll dieses Arbeitsmarktinstrument ausgestaltet sein und wie sieht der konkrete Umsetzungsfahrplan aus?

Im Regierungsprogramm gibt es eine klare Festlegung: Das Fachkräftezentrum ist ein strategisches Instrument der Fachkräftesicherung. Als solches muss es vor allem auf zwei Fragen Antworten finden: Was werden die wichtigsten zukünftigen Problemstellungen in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren im Zusammenhang mit der Fachkräftesicherung sein? Und was sind die strategischen Hebel und wo müssen wir ansetzen, um bereits bestehende, vor allem aber die zukünftigen Herausforderungen zu meistern? Sowohl die analytischen
Aufgaben als auch die Entwicklung konkreter Problemlösungsansätze erfordern das Zusammenwirken aller wesentlichen Verantwortungsträger in Wien. Allerdings nutzen auch die elaboriertesten Konzepte gar nichts, wenn am Ende nicht Entscheidungen für die zügige Umsetzung stehen. Die Tatsache, dass das in Wien im Zusammenhang mit dem Fachkräftebedarf im Pflegebereich möglich war, macht mich im Hinblick auf andere Problembereiche durchaus zuversichtlich. Was den weiteren Fahrplan betrifft, soll der Entwicklungsprozess, in den die Sozialpartner intensiv eingebunden sind, im ersten Quartal 2023 abgeschlossen werden. Allerdings wollen
wir noch im Mai erste Bearbeitungsschwerpunkte festlegen und mit der Bearbeitung beginnen.

Im Moment befinden wir uns inmitten einer Flüchtlingswelle. Arbeitsminister Martin Kocher hat angekündigt, dass ukrainische Flüchtlinge rasch und unbürokratisch vollen Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten sollen. Wie kann der waff die ankommenden arbeitsuchenden Menschen unterstützen? Wird es in diesem Zusammenhang eigene Angebote geben?

Leider ist es bei der Ankündigung geblieben. Es müssen weiterhin Beschäftigungsbewilligungen, wenn auch ohne Ersatzkraftstellung,
beantragt werden. Noch bedauerlicher finde ich die Einschränkung der Beschäftigungsdauer auf einen maximalen Zeitraum von zwei Jahren. Deutschland hat aus gutem Grund den Rahmen auf drei Jahre ausgedehnt. Der waff bereitet jedenfalls vorsorglich eine spezielle Unterstützungsstruktur für hoch- und höchstqualifizierte ukrainische Flüchtlinge vor, um diese so rasch als möglich zu vermitteln. 

Können Sie uns abschließend noch eine vorsichtige Einschätzung geben, inwiefern sich die aktuelle Fluchtbewegung auf den Wiener Arbeitsmarkt auswirkt? Wie können wir es schaffen, Ukrainern eine langfristige Perspektive in Wien zu bieten?

Die ukrainische Bevölkerung ist grundsätzlich gut qualifiziert und das wird sich auch bei den Flüchtlingen widerspiegeln. Die
Arbeitsmarktintegration wird damit zweifellos erleichtert. Langfristige Perspektiven brauchen aber klare Signale, dass auch eine
dauerhafte Beschäftigung in Österreich möglich und gewünscht ist. Da ist die Bundesregierung gefordert.


Foto: Alexandra Kromus_waff

Fritz Meißl, Geschäftsführer Wiener ArbeitnehmerInnenförderungsfonds (waff)